Schoen an mir vorbeigegangen...
Oder so sehr vorbeigegangen wie nur moeglich, angesichts einer halben Million Pilgern, die zu jeder moeglichen und unmoeglichen Zeit die Stadt ueberschwemmt haben, was natuerlich am staerksten im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr zu spueren war (Berufspendler haben wir laut CityRail nur - nur! - 175.000 taeglich).
Eigentlich sind die ja alle ganz nett. (Mit zwei amerikanischen Pilgern habe ich mich im Zug unterhalten: die werden von jetzt an fuer mich beten, da ich ihnen erzaehlt habe, ich sei nicht religioes. Furchtbar nett von ihnen, oder?) Ich kann nur Menschenansammlungen nicht leiden. 500.000 Leute, die zur gleichen Zeit planlos durch die Stadt schlendern, singen, fotografieren und beten, sind eindeutig eine viel zu grosse Menschenansammlung. Selbst die ueblichen planlos schlendernden und fotografierenden Touristen kommen da nicht gegen an, da die sich immerhin zeitlich grossraeumiger verteilen.
Wobei ich von der geografischen Verteilung der Pilger ja recht beeindruckt war: sogar in Epping! Nahe meiner Uni! Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.
Heute sind die meisten von ihnen auf dem Randwick Racecourse, der Pferderennbahn hier in meiner Nachbarschaft (die Nachrichten-Hubschrauber kreisen bereits ueber mir!). Na die werden sich freuen, beim Camp under the stars (oder wie auch immer das nun heisst) - soll wieder knackige 8 Grad werden heute Nacht.
In den letzten Tagen hatte ich stets das Gefuehl, als wuerde ich von allen angestarrt werden. Die Einzige ohne pink-orange-gelben WYD-Rucksack und WYD-Pilger-Pass (die Lizenz zum Pilgern) um den Hals... Oder so kam es mir zumindest vor. Man stellt sich ahnungslos an die Fussgaengerampel und wartet auf Gruen, nur um im naechsten Moment aus heiterem Himmel von einer 50-koepfigen Gruppe von Pilgern verschluckt und dann bei Gruen auf die andere Strassenseite "eskortiert" zu werden.
Abgesehen von ihrem Kindergartenalter-Design misfallen mir die WYD-Rucksaecke auch und vor allem aus oekologischen Aspekten: totale Verschwendung von Ressourcen. Wer bitte wird seinen Rucksack nach Ende dieser Woche noch tragen? (Ich sehe schon die pink-orange-gelben Haeufchen Elend vor mir, verteilt ueber Muellhalden auf der ganzen Welt.) Gestern hat sich im Zug ein Sydneysider mit einigen Pilgern unterhalten, und auf die Frage, ob sie ihre Rucksaecke eigentlich toll finden, antworteten die ganz schnell so was wie "Neeeeeeeiiiiiiiinnnnn! Um Gottes Willen! Wir sind froh, wenn wir die wieder loswerden!"
Hmmmmm. Ob das Tragen der Rucksaecke vielleicht Pflicht war? Ein Opfer, das jeder Teilnehmer bringen musste, buchstaeblich? Auf ihrem Leidens- aeh, Pilgerweg.
Papst Benedikt habe ich nur im Fernsehen gesehen - was vermutlich die cleverere Variante war zum stundenlang-entlang-der-Strasse-ausharren, nur damit er in seinem Papamobil im Bruchteil einer Sekunde in halsbrecherischer Geschwindigkeit an einem vorbeirauscht. (Aus dem gleichen Grund finde ich es spannender, anderen Sport - so wie Fussball oder Rugby - im Fernsehen zu gucken, da ich im Stadion irgendwie nie ausmachen kann, wo denn nun der Ball ist.)
Stations of the Cross (Eine Art Nachstellung der Kreuzigung) gestern habe ich, einige Sekunden lang, vom Zug aus - auf der Harbour Bridge - gesehen, und den Rest vorhin schoen gemuetlich zu Hause dank einer halbstuendigen Zusammenfassung im Fernsehen.
Und waehrend ein Nachrichtenkorrespondent live vom Randwick Racecourse berichtet hat, sind im Hintergrund besonders muntere Pilger unablaessig herumgesprungen, haben Fahnen geschwenkt und gegroelt, dass man das Ganze fuer eine Liveuebertragung der Europameisterschaft haette halten koennen. Bis auf dass die Herumspringenden, Fahnenschwenkenden und Groelenden nicht betrunken waren...
Ach ja. Somit geht morgen dann also World Youth Week, aeh Day, offiziell zu Ende, die allmorgend- und abendlich von Pendlern ueberfluteten Zuege werden einem direkt leer vorkommen, und die Innenstadt wird wieder frei sein von all den Hochsicherheitsvorkehrungen und -barrikaden - die in ihrem Ausmasse mit den Sicherheitsmassnahmen von nur zwei anderen Ereignissen in der Geschichte Sydneys vergleichbar sind: dem APEC letztes Jahr und den Olympischen Spielen 2000.
Halleluja.
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